Imposter Syndrom – was tun, wenn man “nicht gut genug ist?”

Gestern nahm ich an einem W LOUNGE Talk der Reihe “Germany’s Next Role Model” teil. Ich kann es wirklich allen Lesenden wärmstens ans Herz legen, die an Themen wie Women Empowerment, Leadership, und Personal Growth interessiert sind – die Talks finden online statt, der Zugang ist kostenlos.

Im gestrigen Talk ging es um das Thema Imposter Syndrome. Was? – fragen sich jetzt vielleicht einige Lesende, und mir ging es bis vor etwa einem Jahr ähnlich. Dann las ich auf einem Blog, dass das, was ich gespürt hatte, und die Gedanken, die mir durch den Kopf gegangen waren, einen Namen hatten.

Ich bin nicht gut genug.

Selbstzweifel, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, der Eindruck gescheitert zu sein, extrem hohe Anforderungen an sich selbst, oder auch das Gefühl, nichts zu können, bis man nicht eine Ausbildung oder ein Zertifikat dafür hat. Auch das Gefühl, dass jeder Erfolg, dem Glück zuzuschreiben ist, nicht aufgrund eigener Talente, oder Qualifikationen. Das ist das Imposter – Syndrome. Unabhängig vom Geschlecht, erleben fast 70 % aller Menschen das Impostor – Syndrome.

In der heutigen Welt, in der das Vergleichen nur einen Klick entfernt ist, und Social Media durchweg Erfolge präsentiert, ist es nicht verwunderlich, dass die Selbstzweifel quasi um die Ecke lauern. Aber, was tun?

Zweifel? Nein, eigentlich nie.

Auch ich kenne also das Imposter-Syndrome. Meine Geschichte ist vielleicht etwas anders, als die “typische” Geschichte, in der man von vornherein an eigenen Erfolgen und Fähigkeiten zweifelt. Ich habe eigentlich nie an meinen Fähigkeiten gezweifelt – ich gehörte zu den Besten in der Schule, wurde überhäuft mit Urkunden und Auszeichnungen. Bei der Abizeugnisvergabe ging ich mit einem Stapel Preisen von der Bühne – und gleich wieder hoch, um vor allen Lehrer*innen und Eltern zu singen. Ich war eine Überfliegerin, und habe viel Neid abbekommen, aber auch viel Bewunderung. Für mich waren Erfolge nie etwas, mit dem ich angab, es kam mir ja nicht alles zugeflogen – ich klemmte mich dahinter, und tat meinen Teil der Arbeit. Ich bekam von meinem Umfeld reflektiert, dass ich mit vielen Fähigkeiten ausgestattet geboren war, und sie zum Einsatz bringen konnte. Ich glaubte fest an mich, verglich mich nicht mit anderen Mitschüler*innen, und meine harte Arbeit brachte mir schließlich sogar einen Studienplatz an einer der besten Universitäten in Schottland. Ich war überglücklich. An der Uni ging es geradezu weiter mit den guten Noten, ich arbeitete neben dem Studium in einigen Start-Ups, schrieb für Online-Magazine in Deutschland, trat mit meiner Musik sogar in der Music Hall in Aberdeen auf, und arbeitete als Co-Autorin für ein Leadership Unternehmen in Deutschland an einem eBook mit. Ich war fest davon überzeugt, dass sich harte Arbeit immer auszahlen würde – so hatte ich es ja erlebt.

Doch dann kam alles anders.

Inzwischen lebe ich in Mexiko. Ich war in dem festen Glauben aufgewachsen, dass die guten Menschen das bekämen, was sie verdienten. Es war auch nicht falsch, das zu denken, schließlich hatte das mein Umfeld stets reflektiert. Doch dann reflektierte es das plötzlich nicht mehr. Und das brachte die Pfeiler meines Fundaments ins Wackeln. Den eigenen Horizont zu erweitern, bedeutet, so viel habe ich gelernt, dem ungefiltertem Leben ins Antlitz zu blicken.

Ich brauche mich nur einmal umschauen. Ich brauche nur auf die Straße zu gehen, um die Kolonialgeschichte an der eigenen Haut zu spüren. Es ist ein ganz anderes Gefühl, in einem Land zu sein, dass nie erobert hatte, sondern erobert wurde, und es bringt auch viele, ganz – für mich – neue Herausforderungen und Verantwortungen mit sich.

Über viele Dinge war ich mir nicht bewusst – oder, musste mir nicht bewusst sein. In die USA einreisen? Oder über die USA woanders hinreisen? Ein riesiges Prozedere ohne Garantie, wenn der Pass mexikanisch ist. Diskriminierung nennt man das, oder einfach – ohne all die Privilegien geboren sein, mit denen ich in der Europäischen Union aufgewachsen war.

Hierzu muss ich beifügen – vielleicht hat es auch nur den Kultur- und Kontextwechsel gebraucht, um wirklich auf das Thema aufmerksam zu werden, und Privilegien und Diskriminierung zu erkennen. Auch in Deutschland ist das weiterhin ein Thema. Ein Großteil der Bevölkerung kann einen Bogen um diese Themen machen. Eben das trifft den Kern der Definition eines Privileg – sich mit einigen Dingen schlichtweg nicht auseinandersetzen zu müssen.

Talent oder Privilegien?

Und so setzte das Impostor Syndrome bei mir mit voller Wucht ein. Waren es wirklich meine Fähigkeiten, die mich so weit gebracht hatten? Oder waren es meine Privilegien? War ich durch das Casting als TEDx-Speakerin gekommen, wegen des Inhalts meines Talks, oder wegen meiner Hautfarbe und Herkunft? Hatte ich ein Recht darauf, stolz auf meine “Milestones” zu sein?

Manchmal spürte ich das Impostor Syndrome so stark, dass es mich geradezu lähmte. Und eben deshalb habe ich den Riegel vorgeschoben. Was für ein Luxus, sich mit Selbstzweifeln auseinanderzusetzen, dachte ich. Und auch, dass jede Sekunde, die ich mit Zweifeln verbrachte, eine hätte sein können, in der ich etwas auf die Beine hätte stellen können.

Den eigenen Weg gehen.

Ich arbeite immer noch hart und viel. Aber es fühlt sich anders an. Ich habe mein Mindset geändert. Oft sitze ich mehr als 9 Stunden vor dem Laptop, die restlichen Stunden des Tages verbringe ich damit, Gitarre zu üben, Songs zu schreiben. Wohl wissend, dass sich nicht alles nicht immer “gerecht” auszahlen wird. Wer sich auf Social Media bewegt weiß, dass viele Stunden an einem Post manchmal nur wenige Likes bedeuten. Ich habe aufgehört, “achievements” im klassischen Sinne erhaschen zu wollen, oder dem schnellen Erfolg nachzueifern. Ich vergleiche mich nicht mehr, weil ich weiß, dass jede Person ihren eigenen Weg geht, und meine einzige Aufgabe im Leben es ist, mit meinem eigenen Weg in Verbindung zu stehen.

Von “Signature-Strengths” sprach gestern Jeanine von Seenus – das Wort gefällt mir. So, wie eine Unterschrift einzigartig ist, sind auch Aufgaben und Wege einzigartig. Eine Unterschrift ist auch einfach nur eine Unterschrift – es gibt weder ein schlecht, oder ein gut, sie ist völlig wertfrei.

At work? On a mission!

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal wirklich in den Urlaub gefahren bin – alle meine Reisen waren eher “on a Mission”. Ich fühle mich deshalb allerdings nicht schlecht, oder benachteiligt, ganz im Gegenteil. Wenn ich das Privileg in den Schoß gelegt bekommen habe, zu reisen, dann sollte ich es teilen.

Eine Reise in den Süden Mexikos – nach Chiapas – letzten Jahres, war Teil eines Projekts dreier Universitäten, zu welchem ich eingeladen worden war. Ich durfte sehen, wie der Kaffee wächst – mehr noch, ein kulturelles Event für eine Comunidad von Kaffeeanbauenden mit auf die Beine stellen. Nach dieser Reise habe ich eine Initiative gegründet, um auf den bewussten und fairen Konsum von Kaffee aufmerksam zu machen.

Einen Monat später war ich im Rahmen eines Musikprojekts in Uganda. Auch hier sah ich den Kaffee wachsen – dass das nicht selbstverständlich war, wusste ich sofort. Zu Beginn diesen Jahres war ich in Deutschland auf Tour, kurz, bevor COVID-19 die Welt lahm legte, und habe neben Konzerten und Interviews, auch Vorträge zum Thema Kaffee gehalten. Ich habe die Geschichte der Kaffeebohnen geteilt, bevor sie in der Tasse landen. Derzeit arbeite ich an einem Buch zu diesem Thema.

Nachdem ich eine Kaffeebauerin vor laufender Kamera (mit Einwilligung!) darüber interviewt hatte, wie der Klimawandel ihre Ernten zerstört hatte, sagte sie mir – “Ich lege unsere Zukunft in deine Hände.” Danach, das kann ich definitiv sagen, fühlt sich nichts mehr an wie zuvor.

Ich sehe mich als eine Brücke. Ich kann zwischen Sprachen, aber auch zwischen Kulturen übersetzen. Wer wäre ich, wenn ich das einfach so in den Sand setzen würde? Mehr als eine Fähigkeit, sehe ich es als Aufgabe, und Verantwortung. Wie wäre es, wenn wir generell jedes Talent einfach als Aufgabe betrachten würden? Als Geschenk, das wir mit der Welt teilen können?

Dankbarkeit anstatt Selbstzweifel.

Ich verstehe Menschen nicht mehr, wenn sie sich über Kleinigkeiten aufregen. Wenn sie sich ärgern, wie unfair die Welt ist, weil sie diesen oder jenen Praktikumsplatz nicht bekommen haben. Nicht falsch verstehen – es ist völlig in Ordnung, so zu fühlen. Doch hilft es immer, tief durchzuatmen, und sich vor Augen zu führen, wie dankbar man doch sein kann, für alles, was man hat. (Und das ist viel!)

Wir wachsen in einer Welt auf, die uns immer sagt: Du bist nicht genug, du hast nicht genug, du darfst nicht genug sein, du darfst nicht stehen bleiben.
Wie wäre die Welt, wenn sie uns umarmen würde, anstatt uns ständig zu kritisieren? Besonders für Frauen existieren so viele Erwartungen, die schlichtweg nicht zu erfüllen sind. Wie sähe eine Welt aus, die uns anfeuern würde?

“Gib den Zweifeln nicht so viel Raum”, fiel gestern im W LOUNGE Talk. Ich stimme voll und ganz zu. Geben wir ihnen nicht so viel Platz, wie sie ihn vielleicht gerne einnehmen würden.

Wir wachsen auch in einer Welt auf, die uns immer schon benotet, uns immer schon erst ein Zertifikat und einen Stempel vorhalten lässt, bevor wir etwas über unsere Fähigkeiten aussagen oder sie gar zum Einsatz bringen können.

Ich habe übrigens genau eine Stunde Gesangsunterricht in meinem Leben gehabt. Ich habe trotzdem den Welcome To Europe Songcontest gewonnen und im Europaparlament gesungen, und verdiene mein Geld als Singer-Songwriterin. Auch das hat mich daran erinnert:

Sei mutig! Und vertraue auf deine Fähigkeiten! Nicht alles braucht immer einen Stempel. Unendliche Stunden Übung und Training vielleicht – aber keinen Stempel.

Und was mache ich jetzt mit den Urkunden?

All die Urkunden bedeuten mir noch immer sehr viel – sie sind Erinnerungen. Sie sind der Beweis, dass eine Phase im Leben der nächsten folgt, sie sind der Beweis an wundervolle Unterstützung von Freunden, Eltern, von Lehrer*innen. Sie sind vielleicht nicht unbedingt der Nachweis für meine Talente oder Fähigkeiten, oder wirklich aussagend darüber, wer ich bin – sie sind aber doch eine Erinnerung daran, dass Menschen an mich geglaubt, und mich auf meinem bisherigen Weg begleitet haben. Das ist das größte Geschenk.

_

Du möchtest mehr über mich und meine Arbeit erfahren? Schreibe mir gerne eine Nachricht: contact.ariane.vera@gmail.com
Folge mir gerne auch auf Social Media!
Instagram – @arianeveramusic
Facebook – Ariane Vera

Mehr Gelassenheit und Mindfulness im Alltag? Schau doch mal in mein Doodle Sketchbook! Du kannst es hier als pdf herunterladen. Viel Spaß!

Photo by Natalia Y on Unsplash

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.