Bewusst Leben – Solidarität und Alter in Zeiten von COVID-19

– Es trifft ja eh nur die alten Menschen! –

Dieser Satz erstaunt mich jedes Mal aufs Neue.
“Und?”, denke ich dann, “Macht es das besser? Ist es deswegen, was, ein Segen?” Schämen sollte man sich, diesen Satz auch nur gedacht zu haben.

Zwei Kulturen, zwei Denkweisen

Einmal mehr hat mir das Aufwachsen in verschiedenen Kulturen zwei verschiedene Denkweisen gelehrt. Während in Deutschland das Alter höchstens mit Pflegeheim und Belastung in Verbindung gebracht wird, ist in Argentinien und auch in Mexiko, das Alter etwas Besonderes. Die Eltern und Großeltern, der größte Segen, ein Geschenk, etwas, worauf man stolz ist. Zu Grillparties mit Freunden werden oft auch die Eltern oder Großeltern mit an den Tisch gesetzt. Und umgekehrt: zu Geburtstagen von Eltern sind auch die Freunde eingeladen.

Als Tochter eines Argentiniers habe ich sehr früh gelernt, gesehen, und beobachtet, dass man älteren Menschen in der lateinamerikanischen Kultur mit Respekt und mit Liebe begegnet. Das Alter ist Wissen, und Weisheit. Für ältere Menschen steht man auf, man hilft ihnen, man hört ihnen zu. Man gibt ihnen das größte Stück vom Geburtstagskuchen, auch, wenn man es selber natürlich viel lieber gegessen hätte. Und dann landet man wieder in der Realität, und weißt, dass bei all dem, was sie für uns gemacht haben, das Kuchenstück das mindeste ist, das man geben kann. Man denkt nicht, dass man besser ist, oder alles besser weiß – ganz im Gegenteil. Vom Alter kann und sollte man lernen.

Alles andere als Abstellgleis

Älteren Menschen begegnet man mit Respekt und Ehrfurcht. In vielen Familien ist es übrigens üblich, dass man ältere Tanten, Onkel, und weitere Familienangehörige siezt – davon kann man halten, was man möchte, auf jeden Fall zeigt es den besonderen Status, den man dem Alter gibt.

Ich habe den Eindruck, dass das Alter in der schnellen Welt so oft verteufelt wird. Besonders bei Frauen. Alt werden ist kein Segen, sondern ein Fluch, für welchen es alle möglichen Wundermittel gibt. Grauen Haare? Werden versteckt. Ich erinnere mich, als ich in Argentinien im Café am Tisch neben mir ältere Frauen sitzen sah, die sich zum Kaffeetrinken verabredet hatten, eine so freudige Atmosphäre versprühend, dass man glatt davon angesteckt wurde. Sie saßen da, wie Fotomodelle in Magazinen dasaßen. Heute wundere ich mich höchstens darüber, dass mich das einmal verwunderte. Meine Auffassung von “Alter” hat sich sehr geändert. In diesem Moment, in dem ich die Frauen im Café sitzend saß, muss wohl die Einstellung “Alter und Abstellgleis” meine Faszination hervorgerufen haben, denn ich konnte es ja gar nicht fassen, dass man das Ältersein so genießen konnte, ja, überhaupt, so elegant, so selbstbewusst, so wunderschön tragen konnte.

Wenn ich dann so Dinge höre wie: “Sind ja eh nur die älteren Menschen”, dann, ganz direkt und umgangssprachlich gesagt, knallt es mich weg. Dann frage ich mich, was in der Gesellschaft passiert ist, dass es zu diesem Satz gekommen ist. Dann frage ich mich, was geschehen muss, damit es nie wieder zu diesem Satz kommt.

Meine Beziehung zu meiner Großmutter ist eng – wir sind wie Freundinnen, mit einem Altersunterschied. Ich könnte es mir anders auch gar nicht vorstellen. Was lerne ich alles von meiner Großmutter! Und was kann ich ihr alles erzählen! Meine Oma ist eines der besondersten und wertvollsten Geschenke, die ich in meinem Leben habe.

Und dafür bin ich dankbar

Man sollte überhaupt dankbar sein, für all das Wissen, und all die Erfahrungen, die vorausgegangen Generationen mit uns teilen können. Hören wir doch einfach mal – noch aufmerksamer – zu.

Eine Beziehung, egal ob zu Personen, oder zu Denkansätzen, muss übrigens nicht immer perfekt gewesen sein, um heute an ihr zu arbeiten. Genau jetzt kann man anfangen, die Denkweise zu ändern. Fragen zu stellen. Zuzuhören. Es muss auch nicht die eigene Familie sein, es kann auch die Nachbarin sein, oder der Mann, der mit Gehstock Hilfe beim Einsteigen in den Bus braucht, und lauter ungeduldige Menschen um ihn stehen. Zu eben diesen ungeduldigen Menschen darf man sich gerne herausnehmen zu sagen: Haben Sie ein wenig mehr Respekt!, bevor man dem Mann hilft. Wir können jetzt damit beginnen, die Distanz abzubauen, Menschen jeden Alters ernst zu nehmen, und nicht mehr nur mit Mitleid, sondern mit Mitgefühl und Neugierde zu begegnen.

Photo: Photo by Clément Falize on Unsplash

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