COVID-19 in Mexiko – Social Distancing ist ein Privileg

“Möchtet ihr eine Gesellschaft, in der die Schulen geschlossen, aber die Bars (Cantinas) geöffnet sind?” – las ich letztens auf Social Media, überschwemmt von News über COVID-19 in Mexiko. Während in Deutschland alles geschlossen wurde, hat sich #SocialDistancing in Mexiko zu einem Klassenkampf entwickelt. Salopp gesagt: die Reichen bleiben zu Hause, die Armen müssen raus. 

Home Office ist ein Privileg.

Ein Freund rief mich aus Deutschland an. “Hier sind Linien auf den Boden geklebt im Supermarkt, damit man den Abstand einhält. Es gibt außerdem kein Klopapier und kein Mehl. Aber Schokolade gibt es.”

Einen Ozean weiter entfernt, finde ich mich in der Situation, einkaufen gehen zu müssen. Ich meide den Supermarkt aus Gründen der Nachhaltigkeit und einem Lebensstil, den ich mir über die letzten Jahre aufgebaut habe: kaufe lokal, kaufe ohne Plastik. Ich stoße an meine Grenzen.

Der Wochenmarkt hat weiterhin offen. Dort existiert Social Distancing schlichtweg nicht. “Es sollte nicht so sein”, dachte ich, als ich pausenlos von drängelnden Menschen angerempelt wurde, während ich meine eben gekauften Mangos in die Tasche packte. All die Menschen, die vom Verkauf von Lebensmittel leben, die den nächsten Morgen mit der Arbeit vom Vortag finanzieren, sie haben schlichtweg keine Wahl. Der Markt bleibt überfüllt, so wie immer.

Nicht jedem Berufsfeld ist es möglich, auf Home Office umzusteigen. Während Projektmanager*innen von zuhause arbeiten können, stehen Cafébesitzer*innen sprichwörtlich vor geschlossenen Türen, egal wo. In Deutschland sicherte die Regierung auch Künstler*innen finanzielle Unterstützung zu. Eine rührende Geste. In Mexiko ist der Kontext allerdings noch einmal ein anderer: schwache Wirtschaft, hohe Armutsrate.

Etwa 40% der Bevölkerung (fast die Hälfte!) leben in Armut, die extreme Armut liegt bei fast 10%. Die meisten Menschen leben von Tag zu Tag. “Die Wirtschaft meines Landes erlaubt mir nicht, zu sparen”, sagte mir eine Taxifahrerin. Die Taxifahrerin neben mir hustete, sie sagte, sie müsste sich um ihre Eltern kümmern, über 80 und über 90. Sie sei sehr besorgt. “Wenn ich das Auto diesen Monat nicht bezahlen kann, dann kann ich nicht mehr arbeiten.” 

Warum ich überhaupt in diesem Taxi saß, und nicht zuhause? Nun, auch ich musste raus. Einige Zahlungen lassen sich noch immer nicht online erledigen, sondern nur persönlich auf der Bank, die Erneuerung meines Visums (gutes Timing … !) ebenso wenig. Die Erfahrungen auf der Bank, nicht wirklich besser. Weil einmal dies fehlte, und einmal jenes (auch eine typische Erfahrung, eine Willkür, die das Leben schwer macht), lief ich über die vergangene Woche mehrmals hin. Jedes Mal ein bisschen strenger. Erst wurden die Sitzplätze abgedeckt. Jetzt dürfen nur noch 10 Personen gleichzeitig in den Warteraum. Der Mann, der meinen Antrag bearbeitete fasst sich ins Gesicht, wischt sich über die Nase … und fragt dann nach meiner Karte. Welcher Teil von “Corona Virus” und “Fassen sie sich nicht ins Gesicht?” war unklar?

Alles zu … oder doch nicht?

Die Regierung der Stadt schloss die Schulen eine Woche früher, kurz darauf wurden Events verboten, wiederum kurz darauf wurden Restaurants, Bars, und Cafés geschlossen. Nach ein paar Tagen hielt der Gouverneur eine Ansprache: die Restaurants, Bars, und Cafés dürfen ihre Türen wieder öffnen. Die Wirtschaft hätte wohl auch nichts anderes mitgemacht.

Wie viele Fälle es wirklich gibt, davon weiß niemand. Krankenversicherung? Keine Selbstverständlichkeit. Dass sich alle testen lassen, die Symptome zeigen, bleibt utopisch. Die verdeckte Zahl der infizierten Menschen wird vermutlich hoch liegen. 

Dazu hört man allerlei Humbug. Niemand spricht davon, dass antibakterielles Gel keine Viren fern hält, niemand spricht davon, dass ein Mundschutz nicht für alle notwendig und sinnvoll ist. Social Distancing in Mexiko ist: Kein Kuss auf die Wange zur Begrüßung.

Kaum eine*r nimmt es ernst.

Nachdem die Schulen dicht machten, hörte man kurz darauf Nachrichten aus Acapulco, einer der beliebtesten Strände in Mexiko. Hotels überfüllt, Strände voller Menschen. 

Mexiko hat es in die Schlagzeilen geschafft als das Land, das die Grenzen offen hält, und bis vor einer Woche noch Musikfestivals erlaubte. Mexikaner*innen sind bekannt dafür, sich über alles lustig zu machen. Die Lebensfreude, den Humor, den man so an ihnen schätzt, ist im Hinblick der ernsten Lage, fatal. Die Pandemie gibt neuen Stoff für Witze. Während die Zahl der Infizierten steigt, steigt auch die Anzahl der Memes. 

Man wünschte sich fast, der Ernst des Präsidenten bei einer Ansprache wäre tatsächlich ein Witz gewesen: er meinte bei einem offiziellem Auftritt, Ansprache, seine Glücksbringer würden ihn ausreichend schützen. Er reist weiterhin, umarmt und küsst freudig seine Fans. 

Social Media übernimmt den Job der Entscheidungsträger*innen

Was Hoffnung gibt? Einige nehmen es ernst, auch, wenn die Regierung es nicht tut. Dank Sozialer Medien hört man auch hier Geschichten, sieht Bilder, und Videos, aus Europa. Man hört den Aufruf, zuhause zu bleiben, man teilt Fotos und Videos vom Leben in selbst entschiedener Quarantäne. Künstler*innen, Prominenz, auch sie teilen ihre Fotos von zuhause. Festivals werden abgesagt und in den virtuellen Raum verlegt. Man ist dankbar, für diese Vorbilder. 

Corona ist eine der bekanntesten mexikanischen Biermarken. Hoffen wir, dass es stets mehr Bier im Land geben wird, als Infizierte.

Quelle: unbekannt.

Foto: Photo by Martin Sanchez on Unsplash

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